Der Mensch im Irrgarten seiner Hoffnungen

von Gerhard Höhne

Es reden und träumen
Von bessern künftigen Tagen,
Nach einem glücklichen goldenen Ziel
Sieht man sie rennen und jagen,
Die Welt wird alt und wird wieder jung,
Doch der Mensch hofft immer Verbesserung !

Friedrich Schiller

Wie in Rom außer den Römern noch ein Volk von Statuen war,
so ist außer dieser realen Welt noch eine Welt des Wahns,
viel mächtiger beinahe,
in der die meisten leben.

Johann-Wolfgang von Goethe


Bei Diskussionen um politische Themen, über Religionen, Ideologien, über das, was in einer Gesellschaft als richtig und falsch zu bewerten sei, kann man immer wieder feststellen, dass auf der Basis überhöhter Hoffnungen argumentiert wird. Man gewinnt dabei den Eindruck, dass es vor allem derartige Hoffnungen sind, die vielen Menschen den Blick für die Wirklichkeit verstellen, sie zu gut gemeinten, aber keineswegs vernünftigen Handlungen verleiten und dass wirklichkeitsfremde Ideologien besonders bei den Menschen gut ankommen, die durch vergebliches Hoffen verunsichert nach Orientierungshilfen suchen. Für diese gilt das alte deutsche Sprichwort:

Je dürrer die Zeit, desto grüner die Hoffnung.

Hoffen macht leichtgläubig, denn Aussagen, welche eine Hoffnung nähren, werden gerne angenommen und Gegensätzliches wird abgewehrt. Zu den Skeptikern bezüglich allzu großer Hoffnungen gehören die Konservativen. Sie sind nicht so wie viele Zeitgenossen, für die ein Leben ohne Hoffnungen auf ein besseres Dasein und eine insgesamt bessere Welt bedrückend erscheint, denen es deshalb schwer fällt, lieb gewonnene Wunschvorstellungen aufzugeben, wenn erkennbar wird, dass sie nicht zur Realität passen.

Wie sehr Menschen auf unrealistische Hoffnungen setzen können, zeigte der Wahlkampf des amerikanischen Präsidenten Obama im Jahr 2008. Schilder mit „hope“ und „yes we can“ brachten den Wahlsieg.

Manch einer hofft auf etwas, das ihm hilft, von dem allzu Alltäglichen abzuheben und hat Angst, in seinem Leben das „eigentlich Wichtige“ zu versäumen. Dies geschieht nicht selten mit dem Hinweis: Man lebt nur einmal!“ Er ist sich seiner Vergänglichkeit bewusst und möchte Spuren hinterlassen. Seine Hoffnungen lenken den Blick von den wirklichen Gegebenheiten ab, bringen Enttäuschungen mit der Folge, dass auf eine schöne Zukunft gesetzt wird - man soll nach vorne schauen, das ist Vertröstung auf ein „Jenseits“ im Diesseits. In der Bereitschaft, etwas zu erreichen, oft ohne klare Zielsetzung, wird nur wenig darauf geachtet, welche Erinnerung eine Handlung hinterlässt. Bei wenig erfreulichen Erinnerungen müssen Hoffnungen auf bessere Zeiten zum Ausgleich herhalten. Wie ein süchtiger Glücksspieler tröstet sich manch einer mit erneuten Glückshoffnungen über Enttäuschungen hinweg und schenkt mit dem Blick nach „vorne“ den Dingen seiner Umgebung und seinen Erinnerungen wenig Beachtung. Er lebt nach den Worten des bekannten Erzählers Wilhelm Raabe (1831-1910) mit „der ewigen Illusion, dass das Leben noch vor ihm liege“. Wilhelm Raabe merkte an: „ Das Leben liegt immer hinter einem !“

Ist die Annahme berechtigt, dass der Mensch der Gegenwart mehr als seine Vorfahren von Hoffnungen geleitet wird und damit von der Realität abrückt ?

Für ein „Ja!“ spricht die Tatsache, dass die Menschen unseres Kontinents in den letzten Jahrhunderten mehr und mehr von traditionellen Lebensformen abwichen. Der normale Mitteleuropäer vor etwa 400 Jahren richtete sich vorwiegend nach Vorbildern; er übernahm die Lebensweise seiner Vorfahren. Die Tradition war maßgebend. Der Vater war Bauer oder Handwerker, der Sohn trat fast immer in die Fußstapfen des Vaters und setzte dessen Tätigkeit fort, wobei er sie neuen Gegebenheiten anpasste und nach neuen Erfahrungen und Einsichten verbesserte, denn der Mensch neigt dazu, sein Verhalten zu variieren, wobei ihm immer wieder Verbesserungen in den Sinn kommen, die ihn zur Realisierung drängen. Sehr wahrscheinlich wurde eine Verbesserung meistens als Glücksfall und nicht als Erfüllung einer Hoffnung erlebt. Es war ein von Erfahrungen geprägtes Leben mit fortwährender Rückschau auf das Erlebte und viel Aufmerksamkeit für die Mitmenschen, denn man war auf gegenseitige Hilfeleistungen angewiesen und darauf aus, sinnvolles Verhalten anderer nachzuahmen. Schicksalsschläge und Unpässlichkeiten wurden oft als von Gott gegeben hingenommen. Der in Traditionen lebende Mensch, der immer wieder um das Lebensnotwendige ringen musste, war konservativ eingestellt, er orientierte sich am Bewährten, an eigenen positiven Erfahrungen und hatte wenig Sinn für Zukunftsträume. Als er von traditioneller Lebensweise abwich, es ihn in die Städte trieb mit ihren Manufakturen und Fabriken, begann er überlieferte Verhaltensmuster zu hinterfragen, er wurde ein Suchender, er suchte Beweggründe für sein Handeln und schließlich einen Grund für sein gesamtes Leben, einen sogenannten Lebenszweck und fragte mehr als seine Vorfahren nach den für ein zufriedenstellendes Leben notwendigen und hinreichenden Bedingungen - von Aufklärung war die Rede, nach Immanuel Kant „ein Ausgang (eine Befreiung) aus selbstverschuldeter Unmündigkeit“.

Mit der Loslösung von traditionellen Lebensformen wird der Mensch in seinem Verhalten freier, handelt sich dabei aber ein hohes Maß an Unsicherheit ein. Sein Leben ist nicht mehr so sehr von Notwendigkeiten geprägt, denn dank Arbeitsteilung und technischer Hilfsmittel kann er seinen Lebensunterhalt erheblich leichter erwirtschaften als diejenigen, die vor seiner Zeit lebten. Er gönnt sich Wunschträume, die nicht mehr zur Realität passen und bangt um deren Verwirklichung - man denke an die Romantik zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Er lebt nicht mehr in einem gewissen Trott, wobei er beharrlich an die Fortsetzung seines Handelns denkt, fragt stattdessen immer wieder, ob es richtig sei, was er da gerade tut, ob es sinnvoll, zweckmäßig oder notwendig sei, ob es nicht etwas Besseres zu tun gebe. Als Suchender möchte er wissen, was auf ihn zukommt und ist deshalb für Ideologien - Glück verheißenden Zukunftsvisionen - anfällig .


Caspar-David-Friedrich (1774 -1840), Die gescheiterte Hoffnung

Im Vorwort seines Buches „Das Böse“ schreibt Rüdiger Safranski:

»Man muß nicht den Teufel bemühen, um das Böse zu verstehen. Das Böse gehört zum Drama der menschlichen Freiheit. Es ist der Preis der Freiheit. Der Mensch geht nicht in der Natur auf, er ist das „nicht festgestellte Tier“, wie Nietzsche einmal sagte. Das Bewußtsein läßt den Menschen in die Zeit stürzen: in eine Vergangenheit, die ihn bedrängt; in eine Gegenwart, die sich entzieht; in eine Zukunft, die zur Drohkulisse werden kann und die Sorge wachruft.«

Das Ende der Tradition war die Stunde der Philosophie (Rüdiger Safranski). Was ist Philosophie ? Der Dichter Victor von Scheffel hat in seinem amüsanten, historistischen Roman Ekkehard eine Antwort gegeben, über die man schmunzeln kann. Den Führer eines räuberischen, ungarischen Reiterhaufens lässt er während der Plünderung des Klosters Reichenau sagen:

»Ein schönes Weib ist's nicht, auch kein gebranntes Wasser. Es ist auf hunnisch schwer zu beschreiben. Wenn einer nicht weiß, warum er auf der Welt ist, und sich auf den Kopf stellt, um's zu erfahren, das ist ungefähr, was die im Abendland Philosophie heißen.«

Die Hoffnung ist die Mutter der Resignation. Wer sich von unrealistischen Hoffnungen leiten lässt, für den wird das folgende spanische Sprichwort zur bitteren Wahrheit:

Wer von der Hoffnung lebt, stirbt an Verzweiflung.


Ich bin ein unglückselig Rohr:
Gefühle und Gedanken
Seh' rechts und links, zurück und vor,
In jedem Wind, ich schwanken.



Da liegt nichts zwischen Sein und Tod,
Was ich nicht schon erflehte:
Heut bitt' ich um des Glaubens Brot,
Daß morgen ich's zertrete;



Bald ist's im Herzen kirchenstill,
Bald schäumt's wie Saft der Reben,
Ich weiß nicht, was ich soll und will;
Es ist ein kläglich Leben!

Dich ruf' ich, der das Kleinste du
In deinen Schutz genommen,
Gönn meinem Herzen Halt und Ruh,
Gott, laß mich nicht verkommen;



Leih mir die Kraft, die mir gebricht,
Nimm weg, was mich verwirret,
Sonst lösch es aus, dies Flackerlicht,
Das über Sümpfe irret!


Theodor Fontane


Das Glück (Glückseligkeit) wurde während der Zeit der Aufklärung zu einem zentralen Lebensziel erklärt. So schrieb z.B. der junge Mirabeau 1738 in einem Brief an einen Freund:

»Nun, mein Lieber, Sie denken unaufhörlich nach, Sie studieren, nichts übersteigt ihren geistigen Horizont, und Sie denken keine Sekunde daran, sich einen festen Plan für das auszuarbeiten, was unser einziges Ziel sein muss: das Glück.«

In der im Geist der Aufklärung verfassten Präambel der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung wurde das „Streben nach Glück (pursuit of happiness)“ im Jahr 1776 als ein unveräußerliches Recht eines jeden Bürgers hervorgehoben.

So wird verständlich, dass in der Spätaufklärung die menschliche Empfindsamkeit in vielen Büchern thematisiert wurde wie z.B. in dem psychologischen Roman „Anton Reiser“ des Goethefreundes Moritz. Die Psychologie wurde als neue Wissenschaft eingeführt.

Ein Glücksgefühl kann man nicht planmäßig herbeiführen, denn es ist ein seltenes unerwartetes Signal der Natur, mit dem zur Verbesserung des Orientierungsvermögens deutlich angezeigt wird: „Hier hast du etwas Gutes erfahren.“ Gefühle sind im Laufe der Evolution erworbene, genetisch bedingte Orientierungshilfen, durch welche die Dinge unseres Umfeldes und unsere Handlungen eine Bewertung und eine dieser Bewertung angemessene Aufmerksamkeit erfahren. Sie lassen uns zu bestimmten Handlungen neigen. Sie wären keine Leitsignale, wenn man sie nach Belieben herbeiwünschen, bzw. vermeiden könnte, dann wären sie mit den Lichtsignalen einer Verkehrsampel vergleichbar, welche die Verkehrsteilnehmer mit Hilfe einer Fernsteuerung nach eigenem Gutdünken senden können. Eine solche Ampel ist zur Regelung des Straßenverkehrs untauglich. Gefühle sind als arterhaltende Leistungen angelegt und dementsprechend in hohem Maße an gemeinschaftliches Leben geknüpft, an dem diejenigen nur wenig teilnehmen, die fortwährend darauf aus sind, ihr eigenes „Glück“ zu machen. Sie bewirken die Bildung von Familien und den Zusammenschluss von gleichgesinnten Menschen zu größeren Gemeinschaften und wecken das Interesse für Dinge, die für solche Gemeinschaften förderlich sind. Gefühle sind vom Alter abhängig. So ist die Gefühlswelt von Kindern eine andere als die von Erwachsenen, denn diese benötigen Impulse, die ihre Entwicklung vorantreiben. Vermutlich wird das Sprechen lernen von Kleinkindern durch Gefühle unterstützt, welche einem Erwachsenen völlig unbekannt sind.

Wie fühle ich mich ?“ Diese oder ähnliche Fragen stellt sich derjenige immer wieder, der, frei von existentiellen Sorgen, „Glück“ - vielleicht meint er Wohlbefinden - zu seinem Lebensziel erklärt hat. Von einer Tätigkeit lässt er sich dann leicht ablenken, wenn sich dazu nicht die erwünschten Gefühle einstellen. Eine zerrüttende Unstetigkeit ist die Folge. Fehlende Kontinuität im Verhalten verunsichert. Manch einer hat Angst, er könnte etwas versäumen, weshalb es ihm schwer fällt, sich für etwas zu entscheiden, was ihn über lange Zeit, vielleicht sogar das Leben lang verpflichtet, wie z.B. die Gründung einer Familie. In der Absicht, etwas schnell für sich zu erreichen bzw. zu erwerben, sieht er die alltäglich notwendigen Tätigkeiten oft als notwendige Übel, die man schnell hinter sich bringen müsse, verzichtet auf eine Rückbesinnung, neigt zur Hast, ärgert sich immer wieder über Hemmnisse und erlebt infolge unrealistischer Zielsetzungen große Enttäuschungen. Häufig unterbleibt die Besinnung auf das Gegebene und somit auch eine richtige Beurteilung alltäglicher Ereignisse. Wegweisende positive Erinnerungen stellen sich bei einer solchen Lebensweise kaum ein. Wenn man gedanklich nicht so ganz bei seinem Tun und Wollen ist, dann ist man offen für „dumme Gedanken“. Dies bringt Unbehagen, welches, zu einem neuen Problem erklärt, sehr leidvoll werden kann. Bei anhaltender Bereitschaft, Unangenehmes zu vermeiden, können geringe Befindlichkeitsstörungen zu schweren Belastungen werden, unter denen es schwer fällt, unbefangen aus sich herauszugehen. Ein beklemmendes Gefühl in der Magengegend hält immer wieder davon ab. Es signalisiert: da ist erst noch ein Problem zu lösen.

Das Glück, kein Reiter wird's erjagen,
Es ist nicht dort, es ist nicht hier;
Lern' überwinden, lern' entsagen,
Und ungeahnt erblüht es dir.

Theodor Fontane


Aus dem Streben nach dem „großen Glück“ wird nach vielen Enttäuschungen oft ein Kampf gegen eigenes Unbehagen, welches nicht selten in dem vergeblichen Bemühen um „Glück“ seinen Ursprung hat. Wie kann man dieses Unbehagen vermeiden ? Mit dieser Frage wird eine Bereitschaft entwickelt, Befindlichkeitsstörungen nicht zuzulassen. Damit stellt sich das ein, was vermieden werden soll. Es werden die Körperreaktionen veranlasst, welche für diese Störung verantwortlich sind. Der Mensch leidet unter solchen Störungen, weil er anhaltend darauf aus ist, sie zu vermeiden. Wer sich auf Unangenehmes fokussiert in der Hoffnung, davon frei zu werden, benimmt sich genauso unsinnig wie ein frierender Mensch, der auf ein Thermometer starrt in der Hoffnung, dass es dadurch wärmer wird.

»Der Mensch von heute leidet darunter, daß er nicht mehr leiden will, genau wie man krank darüber werden kann, ständig der perfekten Gesundheit nachzujagen. Unsere Zeit erzählt im übrigen eine seltsame Geschichte: die einer ganzen Gesellschaft, die sich dem Hedonismus verschrieben hat und für die alles zur Lust und zur Qual wird. Das Unglück ist nicht allein Unglück: es bedeutet, schlimmer noch, das Scheitern des Glücks.«

Pascal Brucker in seinem Buch „Verdammt zum Glück“

Der durch Selbstkontrolle in sich Gefangene nimmt seine Umgebung nicht unbefangen wahr und findet deshalb kaum Dinge, die ihn interessieren, die er richtig gerne hat und dementsprechend gegen widrige Umstände verteidigen möchte. Mit der damit einhergehenden Unsicherheit tauchen alte ungelöste Probleme im Gedächtnis auf. Das Leben kann so zu einem Kampf voller Niederlagen mit sich selbst werden, voller Ungeduld, nicht ohne Selbstmitleid und mit einer gewissen Aggressivität gegenüber anderen.
Befreiung aus der durch Selbstkontrolle verursachten inneren Gefangenschaft. So kann man vermutlich viele absonderlichen Verhaltensweisen von Zeitgenossen bezeichnen. Man denke an die ekstatische Teilname junger Menschen an Veranstaltungen mit lautstarke Discomusik, an unmäßiges Essen, an extreme Sportarten, an das Randalieren „linksextremer“ Jugendlicher usw. . Auch die „Fridays for future-Bewegung“ ist hier zu erwähnen. Greta Thunberg hat nach Aussagen ihres Vaters mit „Fridays for future“ aus ihren depressiven Stimmungen herausgefunden. Dieses als autistisch geltende Kind war möglicherweise durch Selbstkontrolle in sich gefangen und erlebt nun als Klimaaktivistin eine Befreiung, denn äußere Gefahren lenken von einer Selbstkontrolle ab, wirken somit befreiend, allerdings nur dann, wenn man meint, etwas dagegen tun zu können. Möglicherweise ist dies der Hauptgrund für ihr Engagement und das vieler ihrer, aus wohlhabenden Familien stammenden, verwöhnten jugendlichen Unterstützer.
Zu dem hier beschriebenen Phänomen passt das Wort „Reflexivkultur“ , welches der Psychiater Burkhard Voss in seinem Buch „Deutschland auf dem Weg in die Anstalt“ geprägt hat. In dem Vorwort zu diesem Buch schreibt der ehemalige SPD-Ministerpräsident und Bundesminister Wolfgang Clement:

»70 Jahre nach dem 2. Weltkrieg geht es den Menschen in Deutschland so gut wie nie zuvor, sowohl im Vergleich zu anderen Epochen dieses Kontinents, als auch im Vergleich zu den meisten Ländern dieses Globus. Aber eine wachsende Zahl von Bürgern unseres Landes will die objektiven Verhältnisse offensichtlich nicht mehr wahrhaben. Sie reflektiert in einer Art Endlosschleife die subjektive Befindlichkeit und scheint sich in psychische Krankheitskonzepte wie Burn-out zu flüchten, rennt Gleichheitsutopien hinterher oder braucht für jeden Firlefanz einen Coach.«

Es gibt schlimme Vorstellungen, die uns bis zum Lebensende ängstigen können, vor allem dann, wenn wir immer wieder versuchen, sie zu verbannen. So denkt ein Hypochonder fortwährend daran, wie er eine gefährliche Erkrankung ausschließen kann, verharrt dabei wie gebannt in anhaltender Selbstkontrolle bei seinen schlimmen Vorstellungen und sieht sich unter dem Eindruck der sich dabei einstellenden Befindlichkeitsstörungen in seinen Befürchtungen bestätigt. Ein gutes Bild eines Hypochonders lieferte das Idol der „sogenannten Linken“ Jean-Jaque Rousseau mit seinen Bekenntnissen. Es ist die Autobiografie eines mit sich selbst beschäftigten Hypochonders, der immer wieder meinte, das vor ihm liegende Halbjahr nicht überleben zu können.

Beim gedanklichen Durchspielen seiner Möglichkeiten kann sich ein Mensch als riskantes, zu schlimmem Fehlverhalten fähiges Wesen erkennen. Vermutlich ist mit dem biblischen Sündenfall von Adam und Eva diese Selbsterkenntnis gemeint. Wie von der Schlange vorausgesagt, konnte der Mensch danach zwischen Gut und Böse unterscheiden. Wenn er versucht, derartige Risiken für sich auszuschließen, dann benimmt er sich wie der erwähnte Hypochonder. Er kommt von seinen unseligen Gedanken nicht mehr los. Das Alarmsystem in ihm, welches dazu da ist, ihn an schlimmen Verfehlungen zu hindern und ihn diesbezüglich hemmt, gibt einen Daueralarm und verliert somit seine Leitfunktion. Verhängnisvolle Panikhandlungen sind dann möglich. Er sollte wissen, dass der BegriffFreier Wille“ mit der Bedeutung:ich bin Herr meiner selbst“ , nicht haltbar ist. Der Begriff könnte für die Tatsache stehen, dass man in der Lage ist, Bedingungen zu erkennen, die das Fühlen, Denken und Handeln deutlich beeinflussen, und dass man mit Aufmerksamkeit für dieses und jenes seine Stimmung in positivem wie im negativen Sinn beeinflussen und somit auch sein Verhalten lenken kann. Die christliche Vorstellung von der Erde als Jammertal ist möglicherweise dafür gedacht, dass der Mensch in Demut die kaum abwendbaren Leiden und Risiken des Lebens hinnimmt und ihnen nicht auf Besserung hoffend eine anhaltende Aufmerksamkeit widmet, wodurch jedes kleine Leid zu einem großen werden kann.

Ein ehemaliger Fahrschüler erzählte von einer besonderen Bedrängnis durch einen törichten, unsinnigen Gedanken während einer Eisenbahnfahrt zur Schule. Es kam ihm die Idee, er könne die über ihm angebrachte Notbremse ziehen. Daraufhin suchte er nach Gründen, die gegen ein solches Tun sprechen, wobei seine Aufmerksamkeit für den abwegigen Gedanken so groß wurde, dass er angesichts eines drohenden Fehlverhaltens fast panikartig in ein anderes Abteil ging. Wir neigen zur Panik angesichts einer großen Gefahr, der wir anscheinend nicht entrinnen können. Es wird mit äußerster Heftigkeit die Handlung (meistens ein Fluchtversuch) ausgeführt, an die wir gerade denken. Die Natur hat uns mit der Neigung zu einem solchen Verhalten ausgestattet, weil wir uns damit manchmal in aussichtslos erscheinender Lage retten können.

Verhängnisvoll wird es, wenn eigenes Fehlverhalten befürchtet wird, denn dies kann dann zu einer Panikreaktion werden. Man denke an einen Bergwanderer an einem Abgrund, den plötzlich die Angst vor einem lebensgefährlichen Fehltritt packt. Wenn seine Aufmerksamkeit ganz dieser Befürchtung gilt, dann spürt er eine zwanghafte Neigung dazu, ein Unfall wird wahrscheinlicher, denn je größer die Aufmerksamkeit für ein Vorhaben ist, desto höher ist die Neigung zur Ausführung.

Die Bereitschaft zur Vermeidung eines Fehlverhaltens wirkt sich ähnlich negativ aus wie die Bereitschaft zur Abwehr eines Unbehagens. Ein beängstigender Zustand ist das Ergebnis.

Vermutlich kann mancher Amoklauf als eine Panikhandlung gedeutet werden, wie z.B. der von dem Piloten Andreas Lubitz am 24.3.2015 herbeigeführte Flugzeugabsturz einer Germanwings-Maschine mit ca. 150 Passagieren.

Nach den FOCUS Online-Nachrichten vom 17.3.2016 schrieb Andreas Lubitz im Jahr 2008 in sein Tagebuch:

»lieber Herrgott im Himmel … die vergangenen Wochen und Monate waren mit Sicherheit die schlimmsten und schwersten meines Lebens … BITTE hilf mir ... gib mir die Kraft, die bösen Gedanken zu vertreiben.«

In der Sprache streng gläubiger Christen sind beängstigende Vorstellung eigenen Fehlverhaltens Versuchungen des Teufels (Sünden), von denen sich Mönche früherer Zeiten durch Geißelung, sie nannten es Teufelsaustreibung, ablenkten. Der Reformator Martin Luther muss besonders heftig unter solchen Teufeln gelitten haben.

In der Luther-Biographie des Historikers Hellmut Diwald ist Folgendes zu lesen:

»Allerdings blieben Anfechtungen und, depressive Attacken auch in höherem Alter nicht aus. Anfang der zwanziger Jahre hatte er (Luther) oft Schlafmittel dagegen versucht. Jetzt griff er zu einer anderen Methode. Wenn er den Vorboten, den ersten dunklen Anhauch verspürte, zwang er sich gegen jeden Appetit zu unmäßigem Essen, ließ sich vollaufen mit Bier - das sollte außerdem noch besonders gut gegen seine Nierensteine sein. Da dieses Völlern aber nicht aus Lust, sondern aus Not und Unlust geschah, um den „Bauch so vollzuhalten wie den Kopf“ und damit dem Teufel den Besitz auch der kleinsten Ecke seines Inneren streitig zu machen, bezeichnete es Luther als ein „Fasten“.«

Hat Luther mit dieser Aussage eine Erklärung für die heute weitverbreitete Fettsucht geliefert? Es sieht so aus, als ob ein praller Bauch weniger als ein normaler mit beklemmenden Gefühlen die Lösung ungelöster Probleme anmahnt und dass deshalb viele Menschen zu maßlosem Essen neigen. Vermutlich macht eine große Masse nicht nur physisch, sondern auch psychisch träger und damit weniger störungsanfällig. Der römischen Diktators Julius Cäsar wusste dies offensichtlich, als er sagte: Lasst wohlbeleibte Männer um mich sein!“

Nach vielen vergeblichen Kämpfen gegen die eigene Missstimmung verhält sich manch einer so, als ob er nach der unklaren Forderung lebe: „Es muss sich etwas irgendwie ändern!“ In seiner Ratlosigkeit zieht er sich möglicherweise mehrere Ringe durch die Nase, lässt sich tätowieren, nimmt Drogen, neigt zu unmäßigem Essen oder kauft Dinge, die er nicht benötigt; er kann aber auch eine Zerstörungswut gegen sich und andere entwickeln - man denke an „linksradikale“ Randalierer.

Die verhängnisvolle sogenannte „Willkommenskultur“ im Jahr 2015 war nur deshalb möglich, weil viele Deutsche aus Unzufriedenheit heraus eine große Änderung in ihrem Land herbeiwünschten und dementsprechend bereit waren, den falschen Propheten zu glauben. Es hieß: „Die Migranten sind wertvoller als Gold“. Sogar gebildet erscheinende Leute nahmen solche Aussagen ernst und meinten demgemäß: „Es wird einen tollen Aufschwung geben!“ Der ehemalig Außenminister Deutschlands Joschka Fischer forderte schon 2001: Deutschland muss von außen eingehegt, und von innen durch Zustrom heterogenisiert, quasi verdünnt werden.!“ Das Verhalten derjenigen, die nach dieser Forderung handeln, erinnert an ein kindliches Verhaltensmuster. Wenn ein kleines Kind mit Bauklötzchen etwas aufbauen will, es ihm aber immer wieder misslingt, dann kann es derart zornig werden, dass es ein schon fast fertiges Bauwerk zerstört. Das hat Sinn, wenn der Neubeginn bessere Möglichkeiten eröffnet. Es ist aber falsch, wenn es schwerwiegende negative Folgen hat und die Ursache des Misslingens in einem selbst liegt. Politiker, die unsere Gesellschaft mit fremden Völkerschaften radikal verändern wollen, sind wie Kinder, die verärgert nicht nur das eigene Werk zerstören, sondern darüber hinaus auch noch das Haus der Eltern anzünden.

Mit einer ungewissen Zukunft können sich viele Menschen nur schwer abfinden. Doch sollten sie sich der Tatsache bewusst werden, dass eine gute Zukunft nur derjenige erwarten kann, der in der Gegenwart lebt, sich seiner Vergangenheit bewusst ist und sich an eine unsichere Zukunft gewöhnt hat. Aus der Vergangenheit und Gegenwart erwächst die Zukunft. Entscheidungen werden umso schwerer, je mehr man auf die Zukunft fixiert ist, die möglicherweise noch durch unrealistische Hoffnungen verklärt wird. Vorausschau ist notwendig, aber die Aufmerksamkeit sollte vorwiegend der Gegenwart und nicht der Zukunft gewidmet sein. Fehler macht jeder, besonders schlimm und häufig sind sie jedoch dann, wenn man im Hinblick auf eine ungewisse Zukunft zu hohe Erwartungen nährt, Erinnerungen meidet und das Gegenwärtige vernachlässigt. Eine solche Lebensweise ist mit sehr vielen Unwägbarkeiten und somit auch mit vielen Befürchtungen belastet. Alltägliche Handlungen bestimmen vor allem unser Lebensgefühl. Als Empfehlung darf nicht gelten: „schau nach vorne!“, sondern: „schau zurück, damit du siehst was dir gefällt, was gut ist, woran du im weiteren Leben anknüpfen kannst !“ Sicherheit gibt eine klare, in einzelne Schritte gegliederte Vorstellung des eigenen Handelns. Das eigene Leben sollte einen Sinn haben. Dies ist dann der Fall, wenn man sagen kann:So kann es weitergehen“. Sinnvoll kann ein Leben nur dann werden, wenn man sich von positiven Erfahrungen und nicht von sogenannten Visionen leiten lässt.

Don Quijote - Die Vision

Helmut Schmidt (Bundeskanzler von 1974 bis 1982): „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.


Unsere Hauptaufgabe ist nicht, zu sehen, was in vager Ferne liegt, sondern nur das zu tun, was das Nächstliegende ist.“

Thomas Carlyle (1795-1881)



Die Gesichter vertrauter Personen sollten wir als Bilder in uns tragen. Wir müssen sie uns immer wieder ins Gedächtnis rufen.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst !“, dies ist die entsprechende christliche Forderung. Der Mensch ist nun einmal kein eigenständiges Wesen, sondern Teil eines größeren Ganzen. Die christliche Forderung ist zur Begründung einer sogenannten „Willkommenskultur“ ungeeignet. Der Nächste ist nicht irgendjemand, sondern eine Person, mit der man vertraut ist.